Die Freiheit Berlins wird auch in Vilnius verteidigt. Über Digitalisierung, Souveränität und Sicherheit

Die Freiheit Berlins wird auch in Vilnius verteidigt. Über Digitalisierung, Souveränität und Sicherheit

Die Freiheit Berlins wird auch in Vilnius verteidigt. Über Digitalisierung, Souveränität und Sicherheit

Wer nach Vilnius reist, erlebt eine Hauptstadt, in der Digitalisierung nicht als IT-Projekt verstanden wird, sondern als Teil der staatlichen Infrastruktur. Verwaltung, Netze, Cybersicherheit und zunehmend auch Künstliche Intelligenz greifen ineinander. Litauen beweist: Digitalisierung funktioniert dort besonders gut, wo sie politisch gewollt, strategisch gesteuert und von Beginn unter Sicherheitsaspekten gedacht wird.

Digitalisierung ist Infrastruktur

Anlässlich einer Reise nach Vilnius wollte ich deshalb genauer wissen: Was macht Litauen anders? Und warum steht ausgerechnet ein Land mit knapp drei Millionen Einwohnern in vielen Bereichen der Digitalisierung so bemerkenswert gut da?

Die Antwort beginnt mit einer Haltung.


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„Wir haben das beste Internet der Welt“, sagt Vytautas Mitalas, Vizebürgermeister von Vilnius, bei unserem Treffen im September. Tatsächlich verfügt Litauen heute über eine starke digitale Basis mit nahezu flächendeckender 5G-Versorgung und einem fast vollständig Glasfaser basierten Netz. Die EU-Kommission bescheinigt dem Land 2026 eine „strong digital foundation“. 

Entscheidend ist aber nicht allein die technische Infrastruktur. Litauen hat die Digitalisierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu einem strategischen Modernisierungsprojekt gemacht. Das bedeutet: Der digitale Staat ist über viele Jahre aufgebaut worden. Heute gehört die Nutzung elektronischer Verwaltungsangebote für viele Litauer zum Alltag. In Vilnius lassen sich zahlreiche Leistungen wie Verwaltungsverfahren oder Gesundheitsanwendungen digital beantragen. Genau darin liegt eine erste wichtige Erkenntnis: Erfolgreiche Verwaltungsdigitalisierung beginnt mit der Frage, welche Prozesse konsequent digital organisiert werden können.

Digitalisierung braucht Netze

Das litauische Beispiel zeigt zugleich: Ohne leistungsfähige Netze gibt es keinen leistungsfähigen digitalen Staat. Litauens nahezu universelle 5G-Abdeckung und sein weitgehend glasfaserbasiertes Netz schaffen dafür eine starke Ausgangslage. Allerdings ist auch Litauen noch nicht am Ziel. Gerade beim Ausbau in ländlichen Regionen sieht die EU-Kommission weiterhin Nachholbedarf. Das macht das Beispiel umso interessanter. Hier wird Digitalisierung nicht als abgeschlossener Erfolg verkauft, sondern als Infrastrukturaufgabe, an der kontinuierlich weitergearbeitet wird.

Der nationale strategische Fahrplan umfasst 26 Maßnahmen mit einem Gesamtvolumen von 1,5 Milliarden Euro, entsprechend 1,9 Prozent des litauischen BIP von 2024. 

Der digitale Staat braucht digitale Bürger

Eine gute Infrastruktur allein reicht jedoch nicht. Litauen kämpft mit einem Problem, das auch andere europäische Länder kennen: Nicht alle Menschen profitieren gleichermaßen von der Digitalisierung. 2025 verfügten 53,8 Prozent der 16- bis 74-Jährigen über mindestens grundlegende digitale Kompetenzen. Der EU-Durchschnitt lag bei 60,4 Prozent. Besonders bei älteren Menschen und in ländlichen Regionen bestehen Lücken. 

Das ist vielleicht eine der interessantesten Lehren aus Litauen: Digitalisierung wird nicht auf Technologie reduziert. Programme zur Stärkung digitaler Kompetenzen gehören genauso dazu wie Netze und digitale Verwaltungsangebote. Für mich bedeutet das: Ein Staat ist nicht dann digital, wenn er einen Online-Dienst bereitstellt. Er ist erst dann digital, wenn die Menschen ihn tatsächlich nutzen können.

Der nächste Schritt heißt KI

Während in Deutschland noch über viele Voraussetzungen der Verwaltungsdigitalisierung diskutiert wird, richtet Litauen den Blick bereits auf die nächste Entwicklungsstufe. KI soll zunehmend Bestandteil der digitalen Infrastruktur werden. Besonders sichtbar wird dieser Anspruch bei der geplanten LitAI AI Factory, die ab 2027 souveräne KI-Infrastruktur bereitstellen soll. Damit wären wir bei dem Thema digitale Souveränität.

 Es geht nicht nur darum, digitale Technologien einzusetzen. Europa muss zunehmend auch darüber entscheiden, wo Daten verarbeitet werden, auf welcher Infrastruktur KI trainiert wird und von welchen außereuropäischen Technologien und Plattformen Staaten abhängig sein wollen.

In Litauen stößt diese Debatte auf große Resonanz: 80 Prozent der Bevölkerung betrachten Digitalpolitik laut Eurobarometer 2026 als hohe EU-Priorität. 80 Prozent sprechen sich dafür aus, Investitionen in digitale Infrastrukturen und Dienste zu priorisieren, die in Europa entwickelt und kontrolliert werden. 74 Prozent wünschen sich geringere digitale Abhängigkeiten von Nicht-EU-Staaten. 

An der NATO-Ostflanke wird Digitalisierung zur Sicherheitspolitik

Und damit bekommt die Digitalisierung in Litauen noch eine weitere Dimension. Wer an der NATO-Ostflanke lebt, betrachtet digitale Infrastruktur zwangsläufig auch durch eine sicherheitspolitische Brille. Ein digitaler Staat muss resilient sein.

Die EU-Kommission zählt ein „world-class cybersecurity framework“ ausdrücklich zu den Stärken Litauens. Gleichzeitig nennen 94 Prozent der Litauer den Schutz von Privatsphäre und Sicherheit im Netz als Thema, bei dem Europa in den kommenden zehn Jahren stärker zusammenarbeiten sollte. 

Das ist der entscheidende Punkt: Digitale Souveränität, leistungsfähige Netze und Cybersicherheit sind keine getrennten Politikfelder. Sie gehören zusammen. Denn je stärker öffentliche Verwaltung, Energieversorgung, Mobilität, Gesundheitswesen und Wirtschaft digitalisiert werden, desto wichtiger wird ihre Widerstandsfähigkeit. Digitalisierung wird damit zu einem wichtigen Bestandteil moderner Sicherheits- und Resilienzpolitik.

Was wir von Vilnius lernen können
Litauen ist kein digitales Paradies. Es gibt Nachholbedarf beim Glasfaserausbau in ländlichen Regionen und weiterhin erhebliche Defizite bei den digitalen Kompetenzen. Dennoch zeigt Litauen, wie Digitalisierung strategisch organisiert wird.
 
Meine drei Take-Outs

Erstens: Digitale Infrastruktur ist Daseinsvorsorge.
Glasfaser, Mobilfunk und leistungsfähige Rechen- und KI-Infrastrukturen sind die Grundlage einer digitalisierten Wirtschaft und eines modernen Staates.

Zweitens: Digitalisierung und Sicherheit müssen zusammengedacht werden.
Je digitaler ein Land wird, desto stärker muss es in Resilienz, Cybersicherheit und technologische Souveränität investieren.

Drittens: Digitalisierung braucht politischen Gestaltungswillen.
26 Maßnahmen und 1,5 Milliarden Euro im nationalen Fahrplan zeigen, dass Litauen Digitalisierung nicht als Sammlung einzelner IT-Projekte versteht. 

Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis meiner Reise: 

 Vilnius zeigt, was möglich ist, wenn digitale Infrastruktur, Verwaltung, Innovation und Sicherheit als gemeinsames politisches Projekt verstanden werden. Und deshalb wird ein Stück unserer europäischen Freiheit heute tatsächlich auch in Vilnius verteidigt.